Verlag Philipp von Zabern


Bücherspiegel-@

Rätsel um Nofretete

Tuts Vorkammer
Jacob Nomus berichtet, wie er das Rätsel um Nofretes Mumie löste, und eröffnet damit unsere neue Serie "Bücherspiegel-@" (Foto: Jacob Nomus).

Wenn Fiktion Wirklichkeit wird, stehen Schriftsteller bisweilen plötzlich im Scheinwerferlicht der Wissenschaft. Die jüngsten Forschungsergebnisse zur Identifizierung unbekannter ägyptischer Mumien stießen weltweit auf reges Interesse, sollte doch endlich der Leichnam Nofretetes identifiziert sein! Doch schon 2009 konnte der geneigte Leser vom Ausgang der Untersuchungen erfahren. Forschungsspionage? Datenraub? Mitnichten! Der Romanautor Jacob Nomus berichtet, warum auch er den Stammbaum Tutenchamuns rekonstruieren konnte:

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Um die sagenumwobene Mumie der "Jüngeren Dame" aus dem Grab "Kings Valley 35" (KV35) im berühmten ägyptischen Tal der Könige ranken sich viele Fragen. Handelt es sich um Nofretete, die wunderschöne Gemahlin des Ketzerpharao Echnaton? Ein Bluterguss am eingeschlagenen Kiefer des mumifizierten Leichnams bezeugt einen unnatürlichen Tod. Wurde die "Jüngere Dame" Opfer eines Mordanschlags?

Mein im Juni 2009 erschienener Roman Das Amarna-Grab beginnt mit der Untersuchung der "Jüngeren Dame" und endet mit der Beschreibung der Umstände ihres Todes. Ein Krimi also? Mitnichten. Pure Fiktion? Ja, aber unter einer Bedingung, die ich strikt eingehalten habe: Alles Beschriebene sollte theoretisch möglich sein. Das Verweben von Fakten mit logischen Schlussfolgerungen zu einer fiktiven Handlung erzeugt Authentizität. Der Duktus
unterstellt sich gänzlich dieser narrativen Idee. Die Unsicherheit des Lesers, was wahr ist und was nicht, ist Teil der perzipierten Spannung. Während der zwei Jahre andauernden Recherchen tauschte ich mich mit Ägyptologen, Theologen, Astronomen und Medizinern aus. Die Grenzen gesicherten Wissens zeigten ein löchriges Geschichtspuzzle, dessen fehlende Teile ich mit Fiktion
ersetzte. Es entstand ein vollständiges Bild unserer Geschichte und Kultur, das manchen Leser zum Nachdenken anregen wird.

In einem der drei Handlungsstränge von Das Amarna-Grab rekonstruiert ein Wissenschaftler den Stammbaum Tutenchamuns mit Hilfe der DNA-Analyse. Er untersucht die Mumie Tutenchamuns, sowie die Körper der beiden Föten aus dem Grab KV62 und drei weitere Mumien aus KV35 und KV55. Als Vater von Tutenchamun
wird Echnaton identifiziert, als Mutter die "Jüngere Dame". Die Mumie der "Älteren Dame" ist Teje, Mutter Echnatons und Frau von Amenophis III. Die DNA-Ergebnisse zeigen Spuren von Inzest und beweisen, dass Nofretete nicht Tutenchamuns Mutter und Anchesenpaaton seine Halbschwester ist. Dies alles ist
Fiktion.

Am 16. Februar 2010 wurde weltweit über die jüngsten Forschungsergebnisse berichtet, dank dener der Generalsekretär der ägyptischen Altertümerverwaltung, Zahi A. Hawass, Tutenchamuns Stammbaum rekonstruierte. Hawass' Stammbaum deckt sich exakt mit dem von Das Amarna-Grab. Die Medien
sprechen von Inzest und dem erbrachten Beweis, dass Nofretete nicht die Mutter von Tutenchamun ist. Ziel, Ablauf und Ergebnisse der jüngsten DNA-Analysen zeigen eine frappierende Übereinstimmung mit meinem Roman.

Zufall? Nein. Es ist kein Zufall, sondern schlicht das Ergebnis sorgfältiger und umfangreicher Recherchen, bei denen ich Aussagen über die 18. Dynastie gegeneinander abwog und eine Handlung konstruierte, die meinen Anforderungen gerecht wurde.

Einige meiner Gedanken, die zur Erstellung des Stammbaum Tutenchamuns führten: Die Amarna-Kunst berichtet umfassend über das Privatleben der Königsfamilie. Es finden sich Hinweise auf sechs Töchter Nofretetes, nicht aber auf einen Sohn. Aus der Tatsache, dass über ein so ungleich wichtigeres Ereignis, wie es die Geburt des Thronfolgers darstellt, nicht berichtet wurde, schließe ich, dass Nofretete keine männlichen Nachfahren hatte.

Die Art, wie die "Jüngere Dame" mumifiziert worden ist, deutet auf ihre Zugehörigkeit zur königlichen Familie, ebenso wie ihre letzte Ruhestätte nach der Umbettung: Sie liegt zusammen mit Pharaonen in einem Sammelgrab, unweit der "Älteren Dame". Ist die "Jüngere Dame" Tutenchamuns Mutter, so wie es in meinem Roman steht, wird Nofretete als Mutter ausgeschlossen und der Grad der, mittels der DNA-Analyse er Föten aus KV62 nachweisbaren, inzestuösen Beziehung zwischen Tutenchamun und Nofretetes dritter Tochter Anchesenpaaton vorgegeben.

Nach dem 16. Februar 2010 erreichten mich Leserbriefe, deren Absender überrascht, amüsiert, verwirrt, teilweise sogar beängstigt auf die Übereinstimmung reagierten: Was in dem Roman ist Fakt, was Fiktion? Die Frage kann kaum beantwortet werden. Der 16. Februar 2010 hat die Grenze zwischen Fakt und Fiktion verschoben.

- Jacob Nomus -


Filmtrailer zum Buch: http://www.jacobnomus.com/das_amarna-grab_1.html

 

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