Verlag Philipp von Zabern


Ein Interview mit „Tage des Seth“-Autorin Judith Mathes

Ägyptens dunkle Seiten

Tuts Vorkammer
Die Faszination für Ägypten, seine lange Geschichte und viele unbekannte Facetten, ließ Judith Mathes nicht los, und so begann sie bereits während des Ägyptologiestudiums mit dem Verfassen historischer Romane. Nun liegt ihr Werk "Tage des Seth" vor und entführt Sie in eines der dunkelsten Kapitel ägyptischer Geschichte (Foto: J. Mathes)!

Verrat, Hass und Mord! Auch das ist ein Teil der langen Vergangenheit Ägyptens, der im Angesicht monumentaler Pyramiden und prächtiger Grabkammern häufig unbeachtet bleibt. Judith Mathes hat für ihren Roman „Tage des Seth“ tief in den dunkelsten Kapiteln der ägyptischen Geschichte gegraben. Im Interview berichtet sie von Ihrer Begeisterung fürs Schreiben und wie sie ihre Themen findet:

Frau Mathes, Sie haben Romanistik und Germanistik an den Universitäten Regensburg und Tübingen studiert, später vor allem als Bibliothekarin gearbeitet. Wie sind Sie zum Schreiben historischer Romane gekommen? Was interessiert Sie an diesem Genre?

Mich interessiert, wie Menschen in anderen sozialen und kulturellen Umgebungen leben und empfinden. Die „menschliche Disposition“ ist immer gleich, faszinierend finde ich, was Zeit, Raum und Kultur daraus formen. Das gilt auch für andere Kulturen der Gegenwart. Insofern verstehe ich den historischen Roman auch als Möglichkeit, „dem anderen“ (Assmann) zu begegnen.

 

Als Gaststudentin haben Sie von 1993 bis 1998 am ägyptologischen Institut der Universität München Veranstaltungen besucht. In dieser Zeit begannen Sie auch Ihren ersten historischen Roman. Woher beziehen Sie Ihre Ideen?

Meist knüpfe ich an ein historisches Ereignis oder auf überlieferte Sachverhalte an:

Im ägyptischen Museum von Turin wird ein Papyrus aufbewahrt, der von einem der schaurigsten Verbrechen berichtet, das je im alten Ägypten begangen worden ist.

Im königlichen Frauenhaus wurde um die Mitte des 12. Jhs. v. Chr. der Mord an Pharao Ramses III. geplant. Drahtzieher des ungeheuerlichen Verbrechens - immerhin handelte es sich um Mord am göttlichen König -  war eine seiner Gemahlinnen, Königin Tija, die ihren Sohn Pentawer auf den Thron bringen wollte. Im ganzen Land wurde der Aufstand gegen Ramses III. geschürt. Man bediente sich aller zu Gebote stehender Mittel, nicht einmal vor der Anwendung von schwarzer Magie scheute man zurück. Das alljährlich stattfindende „Schöne Fest vom Wüstental“ in Theben wurde als Termin für den Anschlag festgesetzt.

 

Was interessiert Sie gerade am alten Ägypten? Ihr erstes Werk – ein Jugendbuch zum Alten Rom – hatten Sie ja noch in einer ganz anderen Zeit und Kultur angesiedelt.

Was mich am alten Ägypten besonders fasziniert, ist eine von der unseren so verschiedene Interpretation des Lebens. Die ganzheitliche, religiös verwurzelte und durchdrungene Weltsicht dieser Frühzeitkultur unterscheidet sich fundamental von unserem säkularen, technisch-wissenschaftlich basierten Verständnis des Lebens. Das alte Ägypten ist der Prototyp der „gebundenen Gesellschaft“, daher fand ich es wichtig, zu überlegen, was in einem Menschen vorgeht, der in einer solchen Gesellschaft aus diesen ideologischen Bezügen zumindest teilweise herausfällt. Inwieweit gab es Möglichkeiten, auch bei Fehlen geistiger Alternativentwürfe, mit diesem Herausfallen zurechtzukommen? Darauf mussten Antworten gefunden werden, die sowohl psychologisch stringent als auch kulturhistorisch vorstellbar sind.

Als Schriftstellerin des 21. Jhs. kann man die Sicht der Gegenwart nie ganz ablegen. Man kann sich einem so entfernten, so vollständig anderen kulturellen Hintergrund allenfalls annähern. Diese Annäherung ist für einen Romanschriftsteller die zentrale Herausforderung.

Die Äußerung des Ägyptologen Wolfgang Helck, die er für die wissenschaftliche Ägyptologie gemacht hat, möchte ich auch für mich als Schriftstellerin in Anspruch nehmen:

„Trotzdem müssen wir versuchen, hinter der „Wahrheit“ (dem zentralen Ordnungskonzept der ägyptischen Welt)  die Wirklichkeit zu erahnen, hinter den modellhaften Schilderungen die wirklichen Vorgänge aufzuspüren.“

Dennoch weiß ich, es ist ein Stück weit „mein“ Ägypten, das ich beschrieben habe. Ich kann nur hoffen, dass „mein“ Ägypten möglichst viel Ähnlichkeit mit dem historischen Ägypten hat.

 

Hat diese Annäherung auch Konsequenzen hinsichtlich Ihrer Sprache?

Unbedingt. Ich habe versucht, ausschließlich die deutsche Sprache zu verwenden, d.h. ich habe alle Fremdwörter vermieden, so weit das möglich war. Dazu gehören in diesem Fall auch alle Worte, die sich aus dem Griechischen oder Lateinischen entwickelt hat. (Griechenland und Rom war eine entfernte, nicht vorstellbare Zukunft für die Protagonisten meines Romans). Auch hier wiederum gilt: soweit es möglich war. Worte wie Familie oder Soldat kommen im Roman natürlich trotzdem vor.

Wichtig für mich war, nur Bilder und Metaphern zu verwenden, die in dieser Zeit auch denkbar gewesen wären. Zum Beispiel: Keinesfalls würde er etwas auf die lange Bank schieben, denn dieses Bild entstammt der Kanzleisprache des 16. Jahrhunderts.

Niemals geht im alten Ägypten jemandem ein Gedanke durch den Kopf. Die Ägypter besaßen keine Kenntnis von der Funktion des Gehirns. Für sie wohnen Gedanken und Verstand im Herzen. Wenn jemand traurig ist, dann hat er „den Kopf auf den Knien“ und wenn einem etwas gleichgültig ist, dann ist es einem „wie Wasser“.

 

Ägypten ist also archäologisch gesehen ihre „große Liebe“ – für welche andere Epoche können Sie sich auch begeistern?

Sie haben sie bereits angesprochen: Die zweite Epoche, der ich mich besonders verbunden fühle, ist das antike Rom. Diese Zeit ist der unseren kulturell näher, was allerdings für einen Roman recht gefährlich ist. Zu leicht kann man in die Identifikationsfalle geraten und vermeintliche Gleichheiten und Übereinstimmungen konstruieren.

 

Womit wir bereits bei jenem interessantesten Bereich im Verfassen historischer Romane wären: der Recherche. Als Bibliothek dürften Sie sich dem Buch zu diesem Zwecke besonders verbunden fühlen. Wie gehen Sie bei Ihren Vorarbeiten zu einem neuen Roman vor?

Vor allem gründlich. Umfangreiche Recherchen sind für als frühere Gaststudentin am ägyptologischen Institut der Universität München mich die Voraussetzung für das Romanprojekt. Um den gedanklichen Horizont von Menschen des alten Ägypten zu verstehen, war der Weg über die Sprache unumgänglich. Ich lernte Mittelägyptisch und las mich in der altägyptischen Literatur ein.

Was Umberto Eco für seinen Roman „Der Name der Rose“ formuliert hat, sollte auch für mich gelten: „alles, was fiktive Personen sagen, sollte in jener Epoche sagbar sein.“

 

Nach der Recherche folgt das Schreiben. Müssen wir uns Sie tief über Manuskripte gebeugt, umgeben von zahlreichen Fachbüchern vorstellen oder wo und wie schreiben Sie?

Auf dem PC, zu jeder nur irgend möglichen Gelegenheit. Da ich voll berufstätig bin, nutze ich alle nur möglichen Zeitfenster: Wochenende, Urlaub vor allem. Manchmal stehe ich ganz früh am Morgen auf (ca. um 4.00Uhr) und schreibe noch 2-3 Stunden vor der Arbeit.

Ich bin eine begeisterte PC-Nutzerin, die Möglichkeiten, die ich mit der modernen Technik habe, genieße ich geradezu – als ich mein erstes Buch, das Sachbuch über das Alltagsleben im alten Rom geschrieben habe, benutzte ich noch eine elektrische Schreibmaschine. Ich kann den Unterschied also gut beurteilen!

 

Und nun jene Frage, die man einer Autorin historischer Romane wohl immer stellt: In welcher Zeit hätten Sie gern gelebt?

Andere Zeiten würde ich unglaublich gern besuchen. Leben aber will ich nur in meiner Zeit. Noch nie gab es für Menschen so viele Möglichkeiten zur Entfaltung, konnte man so viel Wissen erwerben, zumindest in Zentraleuropa. Noch nie gab es so viele unterschiedliche Entwicklungen, so viel Freiheit. Als Frau bin ich besonders froh, in dieser Zeit und in dieser Weltgegend leben zu dürfen. Nur in dieser, in meiner Zeit, kann eine Frau ein wirklich selbstbestimmtes Leben führen.

 

Was macht dennoch – oder vielleicht gerade deswegen – die Faszination an historischen Romanen aus?

Ich denke, ein guter historischer Roman vermag es, einem andere Zeiten näher zu bringen, Interessen zu wecken und die Phantasie anzuregen. Ein wenig Eskapismus und Sehnsucht nach Identifikation und Abenteuer mag für viele auch eine Rolle spielen.

 

Wir danken für das wunderbare Gespräch! 

  

München, im Oktober 2010 Judith Mathes

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